Mittwoch, 5. April 2017

West Highland Way - Etappe 1

von Milngavie nach Drymen, oder schottische Polizisten haben die knackigeren Hintern.

Nun stehe ich am Bahnhof von Edinburgh (Haymarket) und warte auf den Zug der mich nach Milngavie, dem offiziellen Startpunkt des West Highland Ways, bringen soll. Schon am Tag zuvor war ich hier, habe die Gegebenheiten inspiziert, mich nach einem Ticket erkundigt und mir eine passende Zugverbindung gesucht. Ich bin natürlich viel zu früh am Gleis. Gefühlt im Minutentakt fahren die Züge. Ich überlege noch, einen früheren Zug nach Glasgow zu nehmen, lasse dies dann aber zugunsten meiner Direktverbindung nach Milngavie.

Und dann passiert das Unvermeidliche. Mein Zug hat Verspätung. Das ist nicht weiter tragisch. Dafür kommt aber ein anderer Zug, von dem man nicht genau weiß, ob er auch nach Milngavie fährt. Ich möchte einen älteren Herrn, der mich sofort als West Highland Way Walkerin identifiziert hat, und mit dem ich darauf hin in's Gespräch gekommen bin, fragen, ob dies denn nun der Zug nach Milngavie sei.

"Pardon? Is that the train to Milngavie?"

Der Mann schaut mich nur ungläubig an und sagt, dass er mich nicht verstanden hätte. Ich versuche es nochmal:

"Is that the train to Milngavie?"

Wieder nur Unverständnis. Wir versuchen es noch 2 - 3 Mal, dann geben wir beide auf.

Jaaaa, in zahlreichen Blogs und Büchern wird darauf hingewiesen, dass man als Deutscher Milngavie eigentlich nur falsch aussprechen kann - und zwar so falsch, dass dich wirklich keiner versteht. Ich dachte mir noch, dass ich a) sowieso mit niemandem über Milngavie reden werden und b) es so schlimm schon nicht sein wird. Und nun! Nun hatte ich den Salat. Hätte ich gefragt, ob dies der Zug nach "Waschlappen" ist, wäre es vermutlich auf das Gleiche hinausgelaufen.

Meinen Zug habe ich dann doch noch bekommen, und bin nach ca. 1,5 Stunden Fahrt wohlbehalten in Waschlappen angekommen. Durch den Bahnhof durch und dann links halten. Ab jetzt kann schon nichts mehr schief laufen, denn die Beschilderung Richtung "Stadtmitte" ist perfekt.

Milngavie selbst ist ein winziger Ort, aber beschaulicher, als die vielen Startfotos auf diversen Blogs es vermuten lassen. Ein winziger Wochenmarkt mit kleinen Ständen und einheimischen Produkten, verführt mich erst einmal dazu ein wenig zu flanieren. Aber halt! Da war ja was! Achja, ich wollte wandern. Heute steht die erste Etappe von Milngavie nach Drymen mit ca. 19km auf dem Plan. Also los!

Der offizielle Startpunkt des West Highland Ways ist wirklich nicht zu verfehlen. Irgendwie fühle ich mich ein wenig albern, als auch ich, wie schon hunderte vor mir, ein Selfie mit der etwas strist da stehenden "Startsäule" mache, und bin dann auch froh, dass ich weg von den Augen der Zuschauer hinein in den West Highland Way abtauchen darf.

Und tatsächlich. Man durchtritt das "Tor" zum West Highland Way und schon ist man ziemlich alleine. Und vorallem ist man relativ schnell in der Natur. Was zuerst anmutet wie ein etwas verwilderter Park geht natlos über in freies Gelände. Eben noch im geschäftigten Edinburgh und nun Natur pur. Ein paar Einheimische sind unterwegs. Alle sind äußerst freundlich, von jedem hört man ein Good morning und mir scheint, dass jeder Schotte einen Hund besitzt. Die Hunde sind übrigens auch alle freundlich. Und überhaupt ist jeder freundlich zu jedem.

Ich befinde mich noch in den Lowlands, daher geht es relativ flach zu. Die ein oder andere kurze Rampe ist dabei. Ich muss auf dem ersten Kilometer bestimmt 4x anhalten, um irgendetwas aus- oder anzuziehen und die Position des Rucksacks zu optimieren, der schon nach kurzer Zeit Schmerzen verursacht. Gerade dann, wenn man den schweren Rucksack wieder aufgehieft hat, und sich als träge Masse in Gang gesetzt hat, braucht man ein Taschentuch oder muss doch noch etwas ausziehen oder wieder anziehen oder oder oder... Aber, ich will hier Mut machen: Es wird besser, denn man lernt jeden Tag dazu!

Jeden Stein und jeden Baum des Weges zu beschreiben ist hier nicht mein Ziel. Das sollte schon jeder für sich selbst erfahren. Allerdings gab es nach ca. 7 km dieses Gatter:




Und ich wusste: Jetzt bin ich angekommen! Jetzt kann es richtig los gehen. Die Reise. Kurz durchatmen, die Landschaft genießen und weiter geht's. (Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht wieviele Gatter ich heute noch auf und zu machen werden.)

Und als ich da so wandere durch die traumhafte seicht hügelige Natur, sah ich irgendwann einen kleinen Bauwagen am Rande des Weges. Als ich näher komme, begrüßt mich ein groß gewachsener rauer Schotte, stellt sich als Parkranger vor und bietet mir kostenlos Wasser, heisse Schokolade und Kaffee an. Ein Service der Parkranger. Wer möchte, kann eine Kleinigkeit für den Erhalt des Parks spenden. Wirklich sehr nett die Schotten. Und da ich auf einem anderen Blog von den Rangern gelesen hatte, und hier sowieso alle so nett sind, nehme ich das Angebot zur Rast gerne an und lasse mir einen Kaffee machen.

Wir halten ein bisschen Smalltalk und ich genieße die Natur. Wie aus dem Nichts tauchen auf einmal zwei Polizisten auf, und fangen an den Ranger zu befragen. Irgendwie wird die Stimmung seltsam. Ich trinke weiter meinen Kaffee und genieße nun nicht mehr die schottische Natur, sondern die Aussicht auf den knackigen Polizeihintern. Irgendwann wird mir die Stimmung zu angespannt. Ich trinke aus, werfe ca. 1.5 Pfund in die Spendenkasse für den Park und möchte gehen, als mich der Polizist aufhält und auch mich befragen will. Er will alles ganz genau wissen. Warum haben Sie Geld in die Kasse geworfen? Was hat der Parkranger zu Ihnen gesagt? Hat er Sie bedrängt? Woher kommen Sie? Wohin gehen Sie? Und und und... Ich versuche ihm zu erklären, dass der Park Ranger Spenden für den Park sammelt. Er versteht mich kaum, denn mein Englisch ist eine Katastrophe. Langsam dämmert's mir und ich sage "He isn't a Park Ranger, isn't he?." Der Polizist "No, Not really".....
Aufgrund meines schlechten Englisch' möchte der Polizist  keine Aussage und Personalien von mir und ich darf weiterziehen. Wie die Geschichte für den angeblichen Parkranger ausgegangen ist, bleibt der Fantasie überlassen...




Ich versuche mich wieder auf die Natur zu konzentrieren, zu laufen und die Rückenschmerzen zu vergessen, die immer schlimmer werden. Es geht bergab, bis der Weg gänzlich eben verläuft. Ab jetzt kommen alle paar Meter irgendwelche Gatter. Sowieso begegnet man auf dem kompletten West Highland Way diversen Gattertypen, Stege, Steige, Brücken und Tritte. Die Glengoyne Distillery spare ich mir, und bin froh, als ich nach ca. 11km meine "große" Pause im BeechTreeInn machen kann.



Die Pause tut gut, aber die zweite Hälfte des Weges bis nach Drymen zieht sich für mich doch sehr. Ich bin den schweren Rucksack einfach nicht gewohnt. Der Rucksack ist zwar so eingestellt, dass er meine Schultern entlastet, aber mitlerweile habe ich einen blauen Fleck auf dem Hüftknochen durch den Hüftgurt. Ich muss die Einstellungen immer wieder so ändern, dass das komplette Gewicht auf den Schultern liegt, weil die Schmerzen auf der Hüfte zum Ende der Etappe unerträglich werden. Kurz vor Drymen überlege ich ein Taxi zu nehmen, oder den Rucksack zurück zu lassen, oder mich einfach komplett zurück zu lassen...

Aber ich reise mich zusammen. Wie immer. Die letzten paar hundert Meter führen mich über eine Schaafsweide. Die frisch geborenen Lämmer liegen neben ihren Müttern im Gras. Mit letzter Kraft komme ich im B&B The Hawthorns an. Die Dusche ist ein Traum. Das dunkle Bier im Pub ebenfalls...




Zusammenfassung Etappe 1

Die erste Etappe ist geschafft. Die Wegebeschaffenheit ist einfach, und führt weitestgehend durch Grasland. Aber wie sehr du auch denkst, du kannst deinen 12kg Rucksack stundenlang problemlos durch die Gegend tragen, du könntest überrascht sein, was dir nach wenigen Stunden alles weh tun kann. Wer nicht für die ganze Etappe Verpflegung mitnehmen möchte, kann sich nach ca 11km im Beech Tree Inn stärken. Auch in Drymen gibt es Einkehrmöglichkeiten, sowie einen kleinen Supermarkt.


Etappenlänge: 19 km
Aufstieg: 419 m
Abstieg: 307 m

Energie Auftanken nach 11,3km
The Beech Tree Inn  *Click*


Meine Unterkunft:
The Hawthorns *Click*
1 Gartness Road, The Square
Drymen, Stirling, G63 0BH, United Kingdom 
Tel: 00441360661222 
Preis: 59 Euro inkl. Frühstück 



Quelle: *Höhenangabe

Kommentare:

  1. Endlich geht's hier los. Ich bin sehr interessiert auf diesen Bericht. Toll geschrieben bisher.

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