Donnerstag, 6. April 2017

West Highland Way - Etappe 2

von Drymen nach Rowardennan, oder 6 Menschen in einem Zimmer sind 5 zu viel...


Nach einem typisch schottischen Frühstück und belebendem Kaffee, mache ich mich auf Richtung Start der Etappe 2. Da der West Highland Way nicht direkt durch Drymen hindurch läuft, muss ich ca. 1km zurück (Richtung Osten) laufen. Direkt am West Highland Way liegt z.B. die Mulberry Lodge (*Click*) oder Glenalva B&B (*Click*).

Der Weg verläuft zuerst auf einem breiten Fahrweg durch einen kleinen Wald. Zwar wuchert der Ginster in schönstem Gelb, aber meine Euphorie hält sich in Grenzen. Wirklich schön ist es hier irgendwie nicht und außerdem tut mir alles weh. Einzig die liebevoll gestalteten Hinweisschilder am Wegesrand "Frog nursery. Do not disturbe. Thanks" bringen mich zum Schmunzeln. Die Schotten halt :) 

Ein etwas verstörendes Bild, bot eine Gruppe von ca. 8 Asiaten, die ihre Zelte irgendwo am Wegesrand aufgebaut hatten. Dass sie nicht gut geschlafen hatte, sah man ihnen deutlich an. In Litargie versunken, und noch mit Schlafanzug am Leib, steht der eine Mitten im Wald und putzt Zähne, während ein anderer in einer Metallschüssel rührt und ein dritte gedankenversunken an seinem Sandwich (oder so etwas ähnlichem) kaut. Es ist ein bisschen wie auf einer Theaterbühne und ich überlege eine Sekunde lang, ob ich wirklich in Schottland bin.


Richtig schön, wurde es dann, als der erste Blick auf Loch Lomond frei wurde. Vorallem deswegen, weil man in dem Moment so überhaupt nicht damit rechnet. Es ist als ob der Weg absichtlich sein langweiligstes Kleid anhat, um es sich dann mit voller Wucht vom Leib zu reisen, und seine ganze Schönheit zu zeigen. Dies kommt auf dem Bild nicht wirklich gut rüber, aber auch die beiden Mädels packten direkt ihre Kamera aus, um diesen Augenblick festzuhalten. Wie so oft, wussten wir in diesem Moment noch nicht, dass es nach jeder Kurve noch besser und noch besser und noch besser wird.



Immer mit Blick auf den Loch Lomond und meinem nächsten Highlight, dem Conic Hill, geht es weiter. Bei gutem Wetter lohnt es sich vor dem Conic Hill, an einem Fluss mit Brücke zu verweilen, und die Landschaft zu genießen. Ich war allerdings etwas unentspannt, da ich nicht wusste, wie gut bzw. schnell ich die 25 km Etappenlänge schaffen würde, und nutze diese Gelegenheit leider nicht.




Der Conic Hill ist für geübte Wanderer ein Hügel. Viele Touristen mit Turnschuhen und Familien sind dort unterwegs. Die Aussicht auf Loch Lomond ist ein Traum. Dennoch macht mir der Abstieg aufgrund des Gewichts meines Rucksacks sehr zu schaffen. Da kommt mir nach 11km meine Mittagsrast in  Balmaha gerade recht. Es gibt direkt am West Highland Way das Cafe St. Mocha, den Village Shop (teuer!) und das Oak Tree Inn.




Nach Balmaha ändert sich plötzlich alles. Zuerst, und damit hätte ich nun gar nicht gerechnet, laufe ich an einem Strand vorbei. Der Weg wird nun zum Pfad und führt fast durchgängig direkt am Ufer des Loch Lomond entlang. Die Aussicht ist atemberaubend. Die Beine sind schwach. Der Rucksack ist schwer.






Der Weg wechselt ständig seinen Character. Einmal eben, einmal verblockt, über Holzstege, steile Stufen, entlang des Wassers, durch Wälder....nur eines ändert sich nicht. Die Beine sind schwach. Der Rucksack ist schwer.



Immer wieder treffe ich auf vier Belgierinnen, die den Weg gemeinsam gehen.  Sie haben Gepäcktransport und sind nur mit Tagesrucksäcken unterwegs. Bei jeder Begegnung kommt die Sprache auf meinen Rucksack. Sie können es nicht fassen, wie man mit so viel Gepäck unterwegs sein kann. Ich auch nicht, und zweifele langsam daran, das Vorhaben so durchhalten zu können. Nach 25 km komme aber auch ich an der Jugendherberge an.

Das Personal am "Check in" ist an Langsamkeit kaum zu übertreffen. Geduld ist gefragt. Dabei sind die letzten Kraftreserven schon seit Stunden verbraucht, und ich möchte einfach nur duschen, essen, überleben. Sowohl Frühstück, als auch Abendessen kann in der Jugendherberge gebucht werden. Außerdem gibt es einen kleinen Kiosk (Snacks, Tee, Kaffee, Lunchpaket). Das ist auch gut so, denn die Jugendherberge liegt absolut im Niergendwo. Pub? Fehlanzeige!



Als ich in das 6-Bett Zimmer komme, sind die meisten Betten schon belegt. Ein oberes Etagenbett direkt neben der Türe ist noch frei. Der Raum ist sehr klein, und die Gänge sind sehr eng. Platz für das Gepäck gibt es quasi nicht. Ich bin froh, dass es heute nicht geregnet hat, denn mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Rucksack in das Bett zu hiefen und die einzelnen Tüten für Abendklamotten, Schlafsachen, Bad, Elektro, ... so anzuordnen, dass ich nach ihrer Wichtigkeit Zugriff darauf habe.

Nach der Dusche (nun hängt auch der komplette Bettrahmen voll mit Handtüchern und Klamotten), esse ich ein sehr sehr leckeres Curry, lasse den Tag im Gemeinschaftsraum ausklingen und gehe zusammen mit meinem Rucksack früh in's Bett.

An Schlaf ist leider bis nach 1Uhr nicht zu denken. Eine Horde Kinder feiert ihre Freiheit, rennen ununterbrochen den Flur auf und ab, grölen und lassen Türen zuschlagen. Als dann irgendwann morgens um 5:30 Uhr der Wecker einer Mitschläferin klingelt (sie hatte wohl vergessen ihn auszumachen), bin ich schon nah an meiner Grenze für soziale Verträglichkeit. Ich versuche wieder einzuschlafen, aber ohne Erfolg. Da wir nun alle mehr oder weniger wach sind, muss jetzt ständig eine auf Toilette. Türe auf. Türe zu. Direkt vor meiner Nase. Es ist ca. 6:30 Uhr als ich es in dem stickigen Zimmer einfach nicht mehr aushalte, und beschließe fluchtartig und ohne Frühstück, dem Drama ein Ende zu bereiten, und breche auf...



Zusammenfassung Etappe 2

Wow, jetzt nachdem der Artikel zur zweiten Etappe fertig ist, merke ich erst wieder wie abwechslungsreich diese Etappe war. Eigentlich kommt es mir eher wie zwei Etappen vor. Eine vor, und eine nach Balmaha. Für Wanderneulinge mag diese Etappe eine erste richtige körperliche und mentale Herausfordung darstellen. Während beim Conic Hill nicht der Aufstieg, sondern der Abstieg der "Knochenbrecher" ist, geben einem nach Balmaha die wenigen, aber teils sehr steilen Rampen den Rest. Außerdem ist diese Etappe mit 25km eine der längsten.

Etappenlänge: 25 km
Aufstieg: 665 m
Abstieg: 815 m

Energie Auftanken nach 12km in Balmaha: Oak Tree Inn, Village Shop (kleiner Supermarkt), St. Mocha (Cafe) *Click*

Meine Unterkunft:
Rowardennan Youth Hostel *Click*

Preis: 25 Euro ohne Frühstück 
Frühstück und auch Abendessen direkt in der Unterkunft möglich.


Quellen: * Höhenangaben *

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